ICH LIEBE DICH Gedichte zu Liebe, Leben, Schmerz, Hoffnung, Trennung, Eros, Sex






  ROMANTIK  ::   Alexander Puschkin  ::  Zar Nikita und seine 40 Töchter
 
 



ZAR NIKITA UND SEINE VIERZIG TÖCHTER



Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen -
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.

Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht - zu ihrem Leid -
Allen eine Kleinigkeit . . .
Doch wie soll ich das erklären? . . .
Soll ich's wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei's drum, schließlich ist's egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein . . .
Fehlte zwischen ihren Beinen . . .
Nein! Das mag zu deutlich scheinen . . .
Lieber Gott, wie fang ich's an?
Ob man's so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist- ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß - man kann's verstehn -.
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
"Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
- Drohte der erzürnte Zar -
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern - freiheraus
Sei's gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze - das Gemächt!"
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt's erfahren -
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
"Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!"
"Sucht die Hexe, findet sie",
Schrie der Zar, "gleichgültig, wie!"
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!"
Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er's zu End' erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
"Fort", schrie sie, "sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf!. . .
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!"
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie's ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst -
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er's erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor. . .
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran . . .
Fährt zurück und ruft : "Beim Teufel
Ja, das ist doch . . . ohne Zweifel!. . .
Na, das seh ich mir gleich an!"
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
"Meine Vögel", schrie er, "sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich's, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?"
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: "Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist's, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!"
"Danke", sprach er - und ließ sehen.
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette. . .
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Alexander Puschkin

 


      Impressumkostenlose Gedichte aus Klassik & Romantik (Liebesgedichte, romantische Gedichte, erotische Gedichte, Sehnsucht.1 2 3 4 5 6 7 8 9 0